Barrierearmes Design: Digitale Teilhabe im Social-Media-Marketing

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Soziale Medien wie LinkedIn, Instagram und TikTok sind zu einem unverzichtbaren Bestandteil des digitalen Lebens geworden. Sie ermöglichen eine nahtlose und communityübergreifende Kommunikation, sind moderne Bildungswege und bieten eine authentische Form der Selbstinszenierung. Doch während sich die meisten Nutzer: innen mühelos durch die digitale Welt bewegen, können Menschen mit Einschränkungen in der scheinbar grenzenlosen digitalen Welt nicht vollumfänglich teilnehmen und werden teilweise vollkommen ausgeschlossen. Ein barrierefreies Internet kann unter diesen Umständen nicht stattfinden.

Wie ein Gesetz Online-Präsenzen für immer verändert

iese Lücke soll mit Hilfe des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes, kurz: BFSG, geschlossen werden. Mit dem BFSG wird die EU -Richtlinie zur Barrierefreiheit (European Accessibility Act, kurz: EAA) umgesetzt. Es stellt sicher, dass Barrierefreiheitsanforderungen für Produkte und Dienstleistungen von allen Beteiligten nach den Richtlinien der Web Content Accessibility Guidelines 2.2, kurz WCAG 2.2, berücksichtigt und erfüllt werden.

In diesen Richtlinien werden konkrete Anforderungen definiert, wie Inhalte im Internet gestaltet werden sollen, um diese für Menschen mit unterschiedlichsten Einschränkungen zugänglich zu machen. Hierzu zählen neben den bekannten kognitiven Einschränkungen auch visuelle, motorische und auditive Einschränkungen in unterschiedlichsten Ausprägungen, unabhängig von deren Dauerhaftigkeit. Im WCAG sind die Einschränkung in 3 Konformitätsstufen unterteilt: Stufe A, Stufe AA, Stufe AAA. Abhängig von der Intensität der Einschränkung gilt die Konformitätsstufe A (gering) bis AAA (sehr ausgeprägt).

Derzeit wird über das BFSG überwiegend hinsichtlich barrierefreier Webseiten und Produkte diskutiert. Ein genauer Blick in die Richtlinien zeigt jedoch mehr: Das BFSG markiert einen Wendepunkt, in dem es nun auch rechtlich die Notwendigkeit betont, digitale Inhalte, Produkte und Dienstleistungen für alle Menschen gleichermaßen zugänglich zu machen. Davon sind neben Webseiten auch Social-Media-Plattformen betroffen.

Was bedeutet digitale Barrierefreiheit?

Der Begriff digitale Barrierefreiheit bedeutet, dass Online-Präsenzen so gestaltet werden, dass sie für alle Personen mit Einschränkungen ohne fremde Hilfe zugänglich sind. Da das selten vollumfänglich gewährleistet werden kann, wird alternativ von barrierearmen Design gesprochen.

Tipp: Der Barrierefreiheitsstatus von Produkten und Dienstleistungen wird mit einem produkt- und nutzenorientierten BITV-Test (BITV steht dabei für Barrierefreie Informationstechnik Verordnung) erstellt. Zusammenfassungen und Anforderungen stehen auf der offiziellen Webseite des Beauftragten der Bundesregierung für Informationstechnik bereit.

Welche Bedeutung hat das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz für die barrierearme Gestaltung

Die in dem BFSG beschlossenen WCAG 2.2 Richtlinien definieren die Art und Weise der Aufbereitung. Hiervon sind alle zur Kommunikation verwendeten Content-Assets gleichermaßen betroffen. Dazu zählen:

  • Texte
  • Bildmaterialien
  • Bewegtbildcontent
  • Audioaufbereitung

Eine optimale Strategie für Social-Media-Beiträge integriert die Prinzipien der Barrierefreiheit bereits im Kreativprozess. Hierbei wird zwischen beeinflussbaren Elementen und solchen, die durch Plattformeinstellungen konfiguriert werden können, unterschieden.

Die WCAG-Richtlinien gelten dabei unabhängig von der Art oder Aufbereitung der Social-Media-Plattformen, dem spezifischen Design der Beiträge oder der zugrunde liegenden Webseiten-Inhalte. Ob Story-Formate, statische oder animierte Feed-Posts, bezahlte Anzeigen, Shorts oder Reels. Alle Beiträge sollten der barrierearmen Gestaltung unterliegen.

Beispiel für barrierefreies Einpflegen von Grafiken auf LinkedIn

Quelle: LinkedIn, Bildbeschreibung im Beitrag (Alt-Text)

Konkrete Maßnahmen

Um allen Menschen mit Einschränkungen die digitale Teilhabe zu ermöglichen, sollte jeder Beitrag individuell nutzbar sein. Abhängig von der Social-Media-Plattform ergeben sich verschiedene Möglichkeiten, Einstellungen zur barrierefreien Einpflege vorzunehmen oder diese vorab in der Gestaltung zu Berücksichtigen. Dazu gehören folgende Maßnahmen:

 

  • Nutzung von Voice-Over für Bewegtbildmaterial
  • Einpflege von Alt-Tags für statische Bilder berücksichtigen
  • Schriftliche Zusammenfassung des Bildes oder Videos im ersten Kommentar oder der Beschreibung unterhalb des Postings für Screen-Reader anbieten
  • Lautstärke und Aussprache laut und deutlich gestalten
  • Starke Farbkontraste in der Gestaltung wählen
  • Große Schriftgrößen auf Beiträgen, Untertiteln und Grafiken anwenden
  • Sprungmarken (Time Stamps) und Kapitelbeschreibungen innerhalb eines Videos erstellen
  • Klare und einfache Sprache als Zusatznutzen anbieten
Screenshot YouTube, Sprungmarken und Kapitel

Quelle: YouTube, Sprungmarken und Kapitel hinzufügen

Screenshot LinkedIn, Farbkontraste einer Grafik anpassen

Quelle: LinkedIn, Farbkontraste einer Grafik anpassen

Beispiele gelebter Barrierefreiheit

Hervorragende Best Practice Beispiele gelebter Barrierefreiheit sind der offizielle Instagram-Account von Microsoft, der durch prägnante Alt-Texte sicherstellt, dass visuelle Inhalte für alle Benutzer zugänglich sind, oder der YouTube-Kanal von National Geographic, der durch präzise Untertitel und bereitgestellte Transkriptionen eine umfassende Zugänglichkeit für Zuschauer gewährleistet. Auch der offizielle Instagram Account der Tagesschau ist nach allen Möglichkeiten barrierearm gestaltet:

Beispiel barrierefreies Posten

Quelle: Instagram / Tagesschau, Hoher Kontrast, ausführliche Zusammenfassung in der Beschreibung

Beispiel Screenshot der Tagesschau auf Instagram für ein barrierefreies Posting

Quelle: Instagram / Tagesschau, Gut verständliches Voice-Over, ausführliche Zusammenfassung, deutliche Untertitel

Welche Herausforderungen entstehen bei der Gestaltung von barrierearmen Social-Media-Posts

Soziale Netzwerke haben in den vergangenen Jahren ihre Bemühungen intensiviert, um ihre Plattformen für alle Nutzenden zugänglicher zu machen. Dabei bieten sie eine Vielzahl von Einstellungen an, die dazu dienen, Informationen leicht zugänglich zu gestalten und ein inklusives Nutzererlebnis zu ermöglichen. Dennoch bleibt die Herausforderung, die zahlreichen Funktionen effektiv zu nutzen und plattformübergreifend barrierearmen Content bereitzustellen.

Eine der größten Hürden besteht darin, den Überblick über die Fülle an Funktionen und Individualisierungsoptionen zu behalten und diese plattformübergreifend optimal für den eigenen Content zu nutzen. Social-Media-Plattformen gehen sehr unterschiedlich mit der Generierung und Präsentation barrierefreier Inhalte um. Assistierende Techniken, die beispielsweise auf Instagram verfügbar sind, sind möglicherweise nicht auf TikTok oder YouTube vorhanden. Hinzu kommt die noch unvollständige Integration künstlicher Intelligenz, die Content-Creator bei der Erstellung unterstützen sollen. Insbesondere automatisierte Elemente erfordern derzeit eine hohe manuelle Kontrolle, während ständige Updates und die hohe Dynamik von Social Media eine kontinuierliche Anpassung erschweren und über reguläre Content-Management-Systeme kaum abzubilden sind.

Mehr zum Thema Social-Media-Marketing können Sie hier nachlesen.

Die kontinuierliche Überprüfung und Optimierung der barrierefreien Gestaltung ist ebenso wichtig wie die Schulung der Social-Media-Manager und Content Creator, die für die Erstellung und das Posting von Inhalten verantwortlich sind. Diese Manager sollten sich bewusst sein, dass die Barrierefreiheit von Content ein integraler Bestandteil ihrer Aufgaben ist und stets auf dem neuesten Stand der barrierefreien Richtlinien und Standards bleiben.

Trotz dieser Herausforderungen lohnt sich der Aufwand. Ein bewusster und vorausschauender Umgang mit den verfügbaren Optionen trägt dazu bei, dass Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten gleichermaßen am digitalen Dialog teilnehmen können. Zudem stärkt es das Engagement und die Reichweite der erstellten Inhalte. Für eine erfolgreiche Online-Präsenz ist es daher unerlässlich, stets mit den aktuellen Entwicklungen der Funktionen vertraut zu sein und eine vielfältige Zielgruppe nicht nur inhaltlich, sondern auch funktional anzusprechen.

Fazit: Wie wir das BFSG die Social Media Arbeit zukünftig beeinflussen?

Die ständig wachsende Dynamik der Social-Media-Landschaft sowie die Erweiterung der Richtlinien erfordert eine hohe Expertise bei der Umsetzung geeigneter Maßnahmen. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) und die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) setzen eindeutige Standards für barrierefreie Webinhalte, die von Unternehmen und Agenturen beachtet werden müssen. Regelmäßige Schulungen und wiederholte Sensibilisierung für barrierefreies Marketing und die zugehörigen assistierenden Techniken wie Screenreader sind ebenfalls entscheidend für grundlegende Veränderungen in der eigenen Kommunikation. Mitarbeitende, die für die Umsetzung barrierefreier Designs im Rahmen digitaler Angebote zuständig sind und genannte Richtlinien anwenden müssen, müssen für das Thema Barrierefreiheit sensibilisiert werden und darin weitergebildet werden.

Alle daraus resultierenden Maßnahmen sollten nicht nur als rechtlich notwendige Anpassung, sondern als Bereicherung betrachtet werden, um sicherzustellen, dass soziale Netzwerke wie LinkedIn und Meta zu einem Ort werden, an dem Vielfalt nicht nur toleriert, sondern aktiv gefördert wird. Denn die Umsetzung barrierefreier Standards und Richtlinien ist nicht nur eine gesetzliche Anforderung, sondern auch eine Gelegenheit, die Reichweite und damit den Einfluss der eigenen Online-Präsenz zu erweitern und gleichzeitig einen positiven Beitrag zur sozialen Verantwortung zu leisten.

Sie haben Interesse an einem Social-Media-Auftritt mit der passenden Strategie? Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme.

FAQ zum Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG)

Wer noch weitere Fragen zum Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) hat, kann sich auf der Website der Bundesfachstelle Barrierefreiheit im FAQ-Bereich informieren.